Bei „nein“ geht gar nichts mehr

Die Bedeutung der Grundbotschaft in der Maßnahmenplanung am praktischen Beispiel

Ein Beitrag von Yvonne Jöhrend, Pflegedienstleiterin im Paritätischen Seniorenwohnen „Dr. Victor Aronstein“:

„Ist mir doch egal, mach doch…“, sagt Herr M. zur Begrüßung. Ein Signal für die Pflegekraft, das sie ihn bei der Körperpflege unterstützen darf.

Bis zum Erkennen dieses Signals war es allerdings ein langer, schwieriger Weg:

Herr M. wohnt seit längerer Zeit in unserer Einrichtung. Die körpernahen Verrichtungen und die Kommunikation mit ihm führten im Alltag immer wieder zu Konflikten mit anderen Bewohner*innen und unserem Personal. Herr M. lehnte eine Unterstützung bei der Körperpflege oft ab. Gutes Zureden oder klare Aufforderungen liefen ins Leere bzw. lösten eine laute, aufgebrachte Kommunikation gegenüber Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen aus.

Auch die Folgen der an manchen Tagen abgelehnten Körperpflege führten zu einem hohen Konfliktpotential im Wohnbereich. Andere Bewohner*innen fühlten sich in Gegenwart von Herrn M. unwohl und teilten ihm dies zuweilen sehr direkt mit, was bei ihm wiederum das oben beschriebene Verhalten verstärkte.

Was ist heute anders?

Bei der Umstellung der Pflegedokumentation auf das Strukturmodell führte eine Pflegefachkraft des Wohnbereiches erneut mehrere Gespräche mit Herrn M. Sie sammelte Informationen und begleitete Herrn M. aufmerksam in seinen Verhaltensweisen im Alltag. Dabei wandte sie neu erlernte Gesprächstechniken an, um eine Strukturierte Informationssammlung zu erstellen und eventuelle Beweggründe für sein herausforderndes Verhalten zu erkennen.

Im Laufe eines Zeitraumes von ca. 4 Wochen kristallisierte sich heraus, dass das manchmal von Pflegekräften und Bewohner*innen an Herrn M. gerichtete Wörtchen „nein“ sowie konkrete Aufforderungen bei ihm immer wieder herausforderndes Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen auslöste. Eine weitere wesentliche Erkenntnis in der Strukturierten Informationssammlung (SIS®) war, dass Herr M. wiederholt „Ist mir doch egal, mach doch.“ äußerte und im Anschluss daran tatsächlich körpernahe Verrichtungen möglich wurden.

Das zweite Element des Strukturmodells ist die Maßnahmenplanung, in die nun die Informationen aus der SIS® einfließen müssen. Eine wichtige Funktion hat die Grundbotschaft, die dem Maßnahmenplan vorangestellt wird. Hier werden Besonderheiten, Vorlieben, Rituale, aber auch besondere Verhaltensweisen formuliert, die in der Versorgung der pflegebedürftigen Person eine wesentliche Rolle spielen und daher nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. 

 (vgl. https://www.ein-step.de/fileadmin/content/Schulungsunterlagen_2.0/Informations-_und_Schulungsunterlagen_V2.0_Oktober_2017_final.pdf)

Die Bedeutung der Grundbotschaft wird im Fall von Herrn M. besonders deutlich. Wird bei allen geplanten Maßnahmen auf die Ansprache und Ausdrucksweise geachtet, dabei beispielsweise das Wörtchen „nein“ vermieden, kann viel Aufregung vermieden werden und eine Unterstützung der Körperpflege ist viel besser möglich.

Als Pflegedienstleiterin kann ich sagen, dass die Einführung des Strukturmodells für viele unserer Bewohner*innen eine Optimierung ihrer Pflege und Betreuung mit sich gebracht hat. Die Pflegeplanungen mit ihren 13 AEDL´s waren zwar sehr umfangreich, aber als Arbeitsinstrument in der bisherigen Form überholt.  Im Gegensatz dazu kommt durch die Übersichtlichkeit in unserer neuen (entbürokratisierten) Pflegedokumentation die Personzentriertheit des Strukturmodells sehr gut zum Ausdruck.

Es ist erstaunlich, welche Informationen in einfachen und manchmal auch nur sehr wenigen Äußerungen unserer Bewohner*innen für uns verbogen sind, wenn wir gut zuhören, über das Gesagte nachdenken und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.

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